Ich sitze gerade an der Vorbereitung meines Lehrauftrags an der Hochschule München und beschäftige mich dabei ziemlich intensiv mit einer Frage: Was brauchen Fachkräfte in der Sozialen Arbeit eigentlich, um mit Künstlicher Intelligenz professionell umzugehen?
Je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger denke ich, dass es dabei vor allem um technische Fähigkeiten geht. Natürlich sollten wir wissen, wie ChatGPT funktioniert, was ein guter Prompt ist und welche Möglichkeiten verschiedene KI-Anwendungen bieten. Aber das allein reicht mir nicht. Für mich wird eine andere Fähigkeit immer wichtiger: Die Fähigkeit, den eigenen Umgang mit KI zu reflektieren.
KI in der Sozialen Arbeit ist längst angekommen
Anknüpfend an meinen Blogartikel im Juni 2026 zu KI im Coaching und Therapie ist Künstliche Intelligenz auch in der Sozialen Arbeit kein Zukunftsthema mehr. Sie wird bereits genutzt, zum Beispiel für Recherche, Textentwürfe, Dokumentation, Brainstorming oder die Vorbereitung von Materialien. Gleichzeitig begegnen Fachkräfte KI auch in der Lebenswelt ihrer Klient.
Eine aktuelle Studie mit Fachkräften aus der Sozialen Arbeit aus 2026 mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Österreich zeigt genau diese Spannung: Das Interesse an KI ist durchaus vorhanden, gleichzeitig fehlen vielen Fachkräften Wissen, konkrete Einsatzmöglichkeiten und Sicherheit im Umgang mit Datenschutz und professionellen Grenzen. Die Autor betonen deshalb die Bedeutung von AI Literacy, also einer fachbezogenen KI-Kompetenz.
Das finde ich interessant. Denn vielleicht ist genau das die Herausforderung: Wir müssen nicht nur lernen, KI zu benutzen. Wir müssen lernen, über unseren Gebrauch von KI nachzudenken.
Wann hilft KI beim Denken?
Ich nutze KI selbst gerne als Sparringspartnerin. Ich kann eine Idee hineingeben und mir Gegenargumente geben lassen. Ich kann einen Text überprüfen lassen. Ich kann mir verschiedene Perspektiven auf eine Fragestellung geben lassen oder mich auf ein Gespräch vorbereiten. Das kann unglaublich hilfreich sein.
Aber ich möchte dabei nicht vergessen, dass die KI mir nicht automatisch eine gute Antwort gibt. Sie liefert mir eine Antwort. Was ich daraus mache, ist meine Verantwortung.
Und genau hier beginnt für mich KI-Kompetenz. Ich sollte mich fragen: Warum nutze ich KI gerade?
Brauche ich Unterstützung beim Strukturieren? Suche ich eine neue Perspektive? Will ich etwas schneller erledigen? Oder möchte ich gerade vermeiden, selbst über etwas nachzudenken, weil es anstrengend oder kompliziert ist?
Diese Unterscheidung finde ich viel wichtiger als die Frage, ob ich besonders gute Prompts schreiben kann.
Die vielleicht wichtigste Frage: Wo gebe ich mein Denken ab?
Wir kennen das aus vielen anderen Bereichen. Wenn ein Navigationsgerät uns immer sagt, wo wir langfahren sollen, müssen wir irgendwann nicht mehr wissen, wo Norden ist. Wenn eine Suchmaschine uns die Antwort liefert, müssen wir uns weniger anstrengen, selbst Zusammenhänge herzustellen.
Und wenn eine KI unsere Gedanken sortiert, formuliert und bewertet, kann es passieren, dass wir irgendwann gar nicht mehr merken, welchen Anteil wir selbst noch am Denkprozess haben. Das bedeutet nicht, dass wir KI nicht nutzen sollten. Im Gegenteil. Ich glaube, wir sollten sie nutzen, aber bewusst. Denn gerade in der Sozialen Arbeit geht es häufig um komplexe Situationen, unterschiedliche Perspektiven, Ambivalenzen und Entscheidungen, bei denen es nicht die eine richtige Antwort gibt.
Hier kann KI unterstützen. Die professionelle Verantwortung kann sie uns aber nicht abnehmen.
KI-Kompetenz ist mehr als Prompting
Wenn wir über KI-Kompetenz sprechen, denke ich deshalb an mindestens vier Fragen:
1. Verstehen: Was kann eine KI eigentlich und wie entstehen ihre Antworten?
2. Anwenden: Wo kann KI meine Arbeit sinnvoll unterstützen?
3. Einordnen: Wie zuverlässig ist das Ergebnis und welche Perspektiven oder Verzerrungen könnten darin stecken?
4. Reflektieren: Warum nutze ich KI gerade und welche Auswirkungen hat das auf mein Denken, meine Arbeit und die Menschen, mit denen ich arbeite?
Gerade die vierte Ebene wird aus meiner Sicht häufig unterschätzt. Denn professioneller Umgang mit KI bedeutet nicht, möglichst viel KI einzusetzen, manchmal bedeutet er auch, bewusst keine KI einzusetzen.
Und was bedeutet das für Kinder und Jugendliche?
Diese Frage beschäftigt mich im Zusammenhang mit meinem Lehrauftrag besonders. Kinder und Jugendliche werden mit KI aufwachsen. Sie werden sie für Hausaufgaben nutzen, für Texte, Bilder, Recherche, Entscheidungen und wahrscheinlich auch für sehr persönliche Fragen. Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht, ihnen zu zeigen, wie man KI benutzt.
Wir müssen ihnen helfen, Fragen zu stellen wie: Warum frage ich gerade die KI? Woher weiß die KI das eigentlich? Kann diese Antwort falsch sein? Welche Perspektive fehlt? Was denke ich selbst darüber? Und was würde ich einen Menschen fragen, den ich wirklich kenne und dem ich vertraue?
Das ist für mich ein wichtiger Teil von Bildung. Nicht KI-Vermeidung, nicht blinde Technikbegeisterung, sondern Reflexionsfähigkeit.
Vielleicht brauchen wir eine neue Form von Medienkompetenz
Wir haben Kindern und Jugendlichen über viele Jahre beigebracht, Informationen im Internet kritisch zu prüfen. Jetzt kommt eine neue Ebene dazu. Nicht nur: „Ist diese Information richtig?“ Sondern auch: „Warum lasse ich überhaupt eine KI für mich denken?“
Und: „Was verändert sich, wenn ich diese Technologie regelmäßig für mich denken, formulieren oder entscheiden lasse?“
Das sind Fragen, die wir nicht nur Kindern und Jugendlichen stellen sollten. Eigentlich sollten wir sie uns selbst genauso stellen.
Genau deshalb interessiert mich der Blick auf Beratung und Coaching
Diese Gedanken führen mich auch wieder zu unserem Online-Fachtag am 23. Oktober 2026.
Denn wenn Menschen KI inzwischen selbstverständlich nutzen, um ihre Gedanken zu sortieren, schwierige Gespräche vorzubereiten oder sich emotional zu orientieren, verändert das auch die Ausgangslage für Beratung, Coaching und Therapie.
Was passiert mit Beziehung, wenn ein digitales Gegenüber jederzeit verfügbar ist? Und was bleibt dann unsere besondere Aufgabe als Fachkräfte? Darüber möchte ich beim Fachtag gemeinsam mit Julia von Weiler und Stefan Kühne nachdenken.
Nicht mit dem Anspruch, bereits fertige Antworten zu haben, sondern mit der Bereitschaft, genau hinzuschauen. Vielleicht ist die entscheidende Frage am Ende gar nicht: „Was kann KI?“ sondern: „Was wollen wir Menschen weiterhin selbst können, selbst entscheiden und miteinander gestalten?“
Und vielleicht beginnt gute KI-Kompetenz genau dort: Nicht bei der perfekten Eingabe. Sondern bei der Fähigkeit, innezuhalten und zu fragen: Warum nutze ich sie gerade?






