ADHS und Künstliche Intelligenz – wenn ChatGPT zum zweiten Arbeitsgedächtnis wird

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ADHS und Künstliche Intelligenz – wenn ChatGPT zum zweiten Arbeitsgedächtnis wird

„Ich weiß genau, was ich tun müsste – aber ich bekomme einfach keinen Anfang.“

Diesen Satz hören wir in der Beratung von Menschen mit ADHS häufig. Die Aufgabe ist klar. Das Wissen ist vorhanden. Die Motivation ist grundsätzlich da. Und trotzdem vergehen Stunden oder manchmal sogar Tage, ohne dass etwas passiert.Dann kommt ein scheinbar kleiner Impuls: Ein Gespräch mit ChatGPT.

„Formuliere mir den ersten Absatz.“ „Teile diese Aufgabe in fünf kleine Schritte.“ „Welche Aufgabe sollte ich zuerst erledigen?“

Plötzlich kommt Bewegung in den Prozess. Was ist hier passiert? Hat die Künstliche Intelligenz das Problem gelöst? Oder hat sie lediglich eine Hürde überbrückt, an der viele Menschen mit ADHS immer wieder scheitern? Diese Frage wird in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen.


ADHS ist keine Wissensstörung

Menschen mit ADHS fehlt in den meisten Fällen nicht das Wissen darüber, was sie tun sollten. Die eigentliche Herausforderung liegt häufig in den sogenannten exekutiven Funktionen. Darunter versteht man die Fähigkeiten unseres Gehirns, Handlungen zu planen, Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu treffen, Informationen im Arbeitsgedächtnis zu behalten und ins Tun zu kommen.

Viele Betroffene beschreiben das Gefühl so:

„In meinem Kopf ist alles gleichzeitig wichtig.“

Oder:

„Ich starre auf die Aufgabe und weiß nicht, wie ich anfangen soll.“

Gerade der Einstieg in komplexe Tätigkeiten kostet häufig unverhältnismäßig viel Energie. Die Aufgabe wirkt wie ein unüberwindbarer Berg, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus lösbar wäre.


KI ersetzt das Denken nicht – sie kann Denken strukturieren

Genau an dieser Stelle können Sprachmodelle wie ChatGPT unterstützen. Nicht weil sie intelligenter wären als der Mensch. Sondern weil sie Informationen strukturieren, sortieren und sichtbar machen können. Statt einer unübersichtlichen Gedankensammlung entsteht ein erster Plan. Aus einer diffusen Idee werden konkrete Handlungsschritte. Aus einer leeren Seite entsteht ein erster Entwurf.

Viele Nutzer:innen berichten deshalb nicht davon, dass KI ihnen Arbeit abnimmt. Vielmehr erleben sie, dass der innere Widerstand kleiner wird und der Einstieg leichter gelingt. Erste Studien untersuchen inzwischen, wie generative KI Menschen mit Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen unterstützen könnte – die Ergebnisse sind vielversprechend, zugleich ist die Evidenz noch jung und ersetzt keine etablierten therapeutischen Verfahren.


KI als „kognitive Stütze“

Man könnte sagen: KI funktioniert in manchen Situationen wie ein externes Whiteboard.

Oder wie eine Person, die neben einem sitzt und fragt: „Was wäre der erste kleine Schritt?“

Gerade Menschen mit ADHS nutzen KI häufig für Aufgaben wie:

  • große Projekte in kleine Schritte zerlegen
  • Tagesabläufe strukturieren
  • Prioritäten entwickeln
  • E-Mails formulieren
  • Gesprächssituationen vorbereiten
  • Texte zusammenfassen
  • Ideen ordnen
  • Lerninhalte vereinfachen
  • Entscheidungsmöglichkeiten gegenüberstellen

Die eigentliche Leistung bleibt dabei beim Menschen. Die KI liefert keine Motivation. Sie übernimmt keine Verantwortung. Sie trifft keine Entscheidungen. Sie bietet Struktur.


Wo Vorsicht geboten ist

Gerade weil KI so hilfreich sein kann, lohnt sich ein kritischer Blick. KI ersetzt keine Selbstregulation. Wer jede Entscheidung an eine KI delegiert, trainiert seine eigenen Fähigkeiten kaum noch. Das Ziel sollte deshalb niemals sein, möglichst wenig selbst zu denken. Vielmehr geht es darum, Unterstützung dort einzusetzen, wo exekutive Funktionen kurzfristig überlastet sind.

Coaching und Therapie bleiben menschlich

Eine KI kann Fragen stellen Sie kann reflektieren. Sie kann Informationen strukturieren. Was sie nicht kann, ist Beziehung gestalten, Emotionen wahrnehmen oder die Komplexität menschlicher Lebensgeschichten wirklich verstehen. Gerade in Beratung, Coaching und Therapie bleibt die menschliche Begegnung unersetzlich.

Datenschutz gehört dazu

Wer Chatbots nutzt, sollte keine personenbezogenen oder sensiblen Informationen von Klient:innen eingeben. Besonders in psychosozialen Arbeitsfeldern gelten hohe Anforderungen an Vertraulichkeit und Datenschutz.

KI kann überzeugend falsch liegen

Sprachmodelle formulieren häufig sehr plausibel – auch dann, wenn ihre Aussagen sachlich falsch oder unvollständig sind. Deshalb gilt: KI ist ein Werkzeug zur Unterstützung des Denkens, nicht dessen Ersatz.


Was bedeutet das für Menschen mit ADHS?

Vielleicht verändert KI den Alltag von Menschen mit ADHS stärker als den vieler anderer Menschen. Nicht weil sie Symptome verschwinden lässt. Sondern weil sie genau an den Stellen unterstützen kann, an denen exekutive Funktionen häufig besonders gefordert sind. Die spannende Frage lautet deshalb nicht mehr:

Sollten Menschen mit ADHS KI nutzen?

Sondern:

Wie kann KI so eingesetzt werden, dass sie Selbstständigkeit stärkt statt Abhängigkeit zu fördern?

Genau darüber wird derzeit intensiv geforscht. Erste Arbeiten beschreiben KI als eine Form des Cognitive Scaffolding – also als ein Gerüst, das Denk- und Handlungsprozesse unterstützen kann, ohne sie vollständig zu übernehmen. Gleichzeitig mahnen Forschende, den reflektierten Einsatz sowie Datenschutz und ethische Fragen konsequent mitzudenken.


Unsere Haltung am ISTB Rhein-Main

Wir beobachten, dass immer mehr Menschen KI selbstverständlich in ihrem Berufsalltag einsetzen – auch Fachkräfte aus Beratung, Therapie, Pädagogik und Führung. Deshalb stellen wir nicht die Frage, ob Künstliche Intelligenz genutzt wird.

Wir fragen vielmehr:

  • Wie verändert KI professionelles Handeln?
  • Welche Chancen eröffnet sie für Menschen mit ADHS und anderen Formen der Neurodiversität?
  • Wo liegen die fachlichen und ethischen Grenzen?
  • Und wie können wir KI so einsetzen, dass sie menschliche Kompetenz ergänzt, anstatt sie zu ersetzen?

Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns in unseren Veranstaltungen zu Künstlicher Intelligenz im Herbst ebenso wie in unseren Angeboten rund um ADHS und Neurodiversität. Denn wir sind überzeugt: Die Zukunft gehört weder dem Menschen noch der Maschine allein. Sie gehört den Menschen, die lernen, neue Technologien reflektiert, verantwortungsvoll und kompetent zu nutzen.


Literatur und weiterführende Hinweise

  • Barkley, R. A. (2012). Executive Functions: What They Are, How They Work, and Why They Evolved.
  • Barkley, R. A. (2021). Taking Charge of Adult ADHD.
  • Brown, T. E. (2013). A New Understanding of ADHD in Children and Adults.
  • Hallowell, E. M. & Ratey, J. J. (2021). ADHD 2.0.
  • Dahò, M. & Caci, B. (2025). Exploring AI-assisted design of executive function rehabilitation programs for individuals with ADHD: a mixed-methods evaluation of prompts and ChatGPT outputs. BMC Psychology, 14, 25. https://doi.org/10.1186/s40359-025-03729-2
  • Berrezueta-Guzman, S. et al. (2025). Evaluating conversational AI (ChatGPT) as therapy enhancement for ADHD. Vorgestellt auf der ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility 2025.
  • Zhu et al. (2026). Scaffolding Metacognition with GenAI: Exploring Design Opportunities to Support Task Management for University Students with ADHD. Proceedings of the 2026 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems.