Vor über 15 Jahren habe ich mich entschieden, aus dem operativen Bereich der Jugendhilfe auszusteigen und in die Erwachsenenbildung zu wechseln. Nicht, weil mir die Arbeit mit Menschen nicht mehr wichtig war, im Gegenteil. Sondern weil ich damals immer deutlicher gespürt habe, wie viele engagierte Fach- und Führungskräfte versuchen, unter Bedingungen professionell zu arbeiten, die sie gleichzeitig dauerhaft erschöpfen.
Heute begegnet mir dieses Thema wieder. Vielleicht sogar deutlicher als damals.
In unseren Weiterbildungen, Seminaren und Gesprächen mit Leitungskräften aus Jugendhilfe, Schule, psychosozialer Arbeit und sozialen Organisationen taucht immer häufiger dieselbe Frage auf. Nicht mehr: „Wie schaffen wir das noch?“ Sondern: „Wie lange geht das überhaupt noch?“
Denn viele Systeme befinden sich seit Jahren im Dauerkrisenmodus.
Führungskräfte zwischen Verantwortung, Personalmangel und Systemdruck
Leitungskräfte in der Jugendhilfe tragen heute häufig Verantwortung auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
- Fachliche Verantwortung
- Personalführung
- Krisenmanagement
- Dokumentation und Bürokratie
- Wirtschaftlicher Druck
- Umgang mit Fachkräftemangel
- Permanente Erreichbarkeit
Und gleichzeitig sollen sie Teams stabil halten, Mitarbeitende motivieren, Qualität sichern und Menschen begleiten, die selbst hoch belastet sind. Das Problem dabei: Viele dieser Herausforderungen sind längst keine individuellen Probleme einzelner Einrichtungen oder Führungskräfte mehr. Sie sind strukturell.
Trotzdem wird Verantwortung oft individualisiert. Wenn Teams erschöpft sind, gilt Führung als „nicht resilient genug“. Wenn Systeme instabil werden, sollen einzelne Leitungskräfte sie auffangen. Und wenn Menschen ausbrennen, sprechen wir häufig zuerst über Selbstfürsorge — statt ernsthaft darüber, unter welchen Bedingungen soziale Arbeit überhaupt stattfindet.
Wenn strukturelle Probleme zu persönlichen Defiziten erklärt werden
Gerade in sozialen Berufen beobachten viele Fachkräfte eine Entwicklung, die zunehmend belastend wirkt: Je größer der Druck im System wird, desto stärker verschiebt sich die Verantwortung auf Einzelpersonen.
Dabei entstehen Fragen, die selten offen ausgesprochen werden:
- Wie gesund kann Führung in dauerhaft überlasteten Systemen überhaupt sein?
- Wie lange können Teams emotionale Hochbelastung kompensieren?
- Was passiert mit Beziehungsgestaltung, wenn kaum noch Zeit für echte Stabilisierung bleibt?
- Und welche Folgen hat das langfristig für Jugendhilfe, Schule und psychosoziale Versorgung?
Diese Dynamiken erleben wir inzwischen nicht nur punktuell, sondern flächendeckend.
Jugendhilfe neu denken: Frühe Unterstützung statt Reparaturbetrieb
Mein sehr geschätzter Kollege Rainer Orban vom N.I.L Osnabrück beschreibt diese Entwicklung seit Jahren sehr klar. Sinngemäß sagt er:
Wir intervenieren häufig erst dann, wenn Situationen längst eskaliert sind — und sparen gleichzeitig genau dort, wo frühe Unterstützung, Beziehung und Stabilisierung langfristig tragen könnten.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage:
Wie verstehen wir Jugendhilfe eigentlich? Als Reparaturbetrieb für eskalierte Krisen? Oder als gesellschaftlichen Raum, in dem frühe Unterstützung, tragfähige Beziehungen und stabile Strukturen Entwicklung überhaupt erst ermöglichen?
Gerade systemische Beratung, Organisationsentwicklung und moderne Führungskonzepte machen deutlich, dass nachhaltige Veränderung selten entsteht, wenn ausschließlich Symptome verwaltet werden. Systeme brauchen Stabilität, Reflexion, Beziehung und Ressourcen — nicht nur kurzfristige Krisenintervention.
Fachtag Jugendhilfe: Führung zwischen Systemdruck und Zukunft
Genau deshalb veranstalten wir am 17. September 2026 in Hanau am ISTB Rhein-Main gemeinsam mit Rainer Orban und der DGSF den Fachtag:
„Jugendhilfe neu gestalten – Führung zwischen Systemdruck, Verantwortung und Zukunft“
Der Fachtag richtet sich an:
- Führungskräfte in der Jugendhilfe
- Fachkräfte aus sozialer Arbeit und psychosozialen Arbeitsfeldern
- Leitungen aus Schule und Bildung
- Organisationsentwickler:innen
- Systemische Berater:innen und Therapeut:innen
Im Mittelpunkt stehen Fragen wie:
- Wie kann Führung unter hoher Komplexität gelingen?
- Welche organisationalen Bedingungen fördern Stabilität?
- Wie können soziale Organisationen langfristig handlungsfähig bleiben?
- Welche Rolle spielen Haltung, Beziehung und systemisches Denken?
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der mich persönlich bis heute an diesen Themen fasziniert:
Ich liebe es, Räume zu gestalten, in denen nicht nur Methoden vermittelt werden, sondern in denen Menschen gemeinsam auf Systeme schauen dürfen — ehrlich, kritisch und gleichzeitig mit dem Wunsch, Zukunft gestaltbar zu halten.
Warum diese Debatte gerade jetzt wichtig ist
Die Diskussion über mentale Gesundheit, Fachkräftemangel, Resilienz und Führung wird aktuell in vielen Organisationen geführt. Gleichzeitig bleibt die strukturelle Ebene häufig unterbelichtet.
Dabei braucht es genau jetzt Räume für Austausch, Reflexion und neue Perspektiven auf Führung in sozialen Systemen.
Nicht nur, um Belastung zu reduzieren.
Sondern auch, um Jugendhilfe, Schule und psychosoziale Arbeit langfristig tragfähig zu gestalten.








