Vor wenigen Tagen erreichte uns eine Coachinganfrage einer Mutter, deren neunjährige Tochter mit ADHS diagnostiziert ist. Das Mädchen ist klug, sprachlich stark, voller Ideen und Begeisterung, besonders wenn es um ihre Interessensgebiete geht. Gleichzeitig eskalieren die Nachmittage regelmäßig bei den Hausaufgaben. Kaum sitzt sie am Tisch, scheint jeder Reiz wichtiger zu sein als das Arbeitsblatt. Geräusche im Treppenhaus, Bewegungen im Raum, eigene spontane Einfälle. Die Mutter beschrieb es so treffend: „Sie will ja, aber sie kommt nicht ins Tun.“
Diese Aussage bringt den Kern sehr genau auf den Punkt.
Bei ADHS geht es nicht um fehlende Motivation oder mangelnden Willen. Es geht um ein Gehirn, das Reize anders verarbeitet und Regulation anders organisiert. Die neuronalen Netzwerke für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Planung arbeiten nicht immer zuverlässig zusammen .
Bildlich gesprochen steht viel Energie zur Verfügung, viel Antrieb, viel Kreativität. Doch die innere Bremse greift nicht stabil. Alles, was neu, spannend oder emotional bedeutsam ist, erhält sofort Priorität. Pflichten und wenig attraktive Aufgaben benötigen hingegen deutlich mehr äußere Struktur und Unterstützung .
Was im Alltag schnell als Trotz, Faulheit oder mangelnde Disziplin interpretiert wird, ist häufig ein Regulationsproblem .
Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Nicht das Verhalten steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, was einem Kind hilft, sich selbst besser zu steuern.
Bewegung als neurobiologischer Schlüssel
In unserer fachlichen Arbeit beschäftigen wir uns seit Jahren mit der Verbindung von Neurobiologie, Bewegung und systemischer Perspektive. Jede Form von Bewegung wirkt direkt auf die Botenstoffe im Gehirn, die für Antrieb und Konzentration bedeutsam sind .
Bereits kurze Aktivitätsphasen, wie zehn Minuten Seilspringen, ein Spaziergang oder Zeit auf dem Spielplatz, können helfen, innerlich anzukommen . Koordinative Bewegungsformen wie Klettern, Balancieren oder Ballspiele fördern darüber hinaus langfristig die Selbststeuerung . Das Nervensystem kommt durch Bewegung besser in Regulation.
Entscheidend ist dabei die Haltung: Bewegung ist keine Belohnung nach getaner Arbeit, sondern eine sinnvolle Vorbereitung auf Konzentrationsphasen.
Kleine Veränderungen mit spürbarer Wirkung
Im Coaching wurden konkrete Schritte entwickelt, die sich im Alltag umsetzen lassen:
Lernphasen klar strukturieren und in überschaubare Schritte unterteilen. Bewegung bewusst einbauen, nicht als Pause, sondern als Startimpuls. Auch kleine Erfolge sichtbar machen. Beziehung vor Korrektur stellen .
ADHS fordert Familien und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen heraus. Gleichzeitig bringen gerade diese Kinder Fähigkeiten mit, die gesellschaftlich hoch relevant sind: Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Ausdauer für interessante Themen und ungewöhnliche Lösungswege .
Wenn verstanden wird, dass hinter dem Zappeln oder Träumen kein mangelnder Wille steckt, sondern ein anders arbeitendes Regulationssystem, verändert sich der Blick nachhaltig . Aus Druck wird Verständnis. Aus Konflikt wird Kooperation.
Seminar am 13.03. in Hanau mit Jörg Kleinschmidt
Diese Zusammenhänge vertiefen wir in unserem eintägigen Seminar am 13. März in Hanau gemeinsam mit dem Sportwissenschaftler und Neuropsychologen Jörg Kleinschmidt. Im Mittelpunkt stehen die neurobiologischen Grundlagen von ADHS, die Bedeutung von Bewegung für Selbstregulation sowie konkrete, alltagstaugliche Strategien für Familien und pädagogische Fachkräfte.
Das Seminar verbindet wissenschaftliches Hintergrundwissen mit praxisnahen Impulsen und systemischer Perspektive. Ziel ist es, ADHS nicht nur als Herausforderung zu betrachten, sondern Potenziale sichtbar zu machen und handlungsfähig zu bleiben.
Weitere Informationen und Anmeldung sind über unsere Website möglich.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit mehr Kontrolle, sondern mit einem tieferen Verständnis für das, was im Gehirn eines Kindes tatsächlich geschieht.








