Vor einigen Wochen entstand aus einem kurzen Telefonat ein längeres Gespräch. Eine Leitungskraft aus einem Jugendamt rief an, eigentlich mit einer ganz praktischen Frage nach einer passenden Fortbildung für ihr Team. Doch schnell wurde deutlich, dass hinter der Anfrage viel mehr stand. Es ging um offene Stellen, um dauerhaft überlastete Teams und um die Frage, wie lange ein System unter diesen Bedingungen überhaupt noch funktionieren kann.
Solche Gespräche sind im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe längst keine Ausnahme mehr. Leitungskräfte aus Jugendämtern und freien Trägern suchen verstärkt nach Bildungsangeboten für ihre Mitarbeitenden. Der Fachkräftemangel spielt dabei eine zentrale Rolle und Fortbildungen werden zunehmend auch als Möglichkeit gesehen, Mitarbeiter:innen zu stärken, Motivation zu fördern und Fachkräfte langfristig an die Organisation zu binden.
Gleichzeitig zeigt sich in vielen Gesprächen ein deutliches Bild: Der Bedarf in der Kinder- und Jugendhilfe wächst stetig, während qualifiziertes Personal immer schwerer zu finden ist. Einrichtungen berichten von Stellen, die über lange Zeit unbesetzt bleiben. Teams arbeiten dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze, Gruppen werden zeitweise oder dauerhaft geschlossen. Leitungskräfte bewegen sich täglich zwischen fachlichen Anforderungen, organisatorischem Druck und der Verantwortung für ihre Mitarbeitenden.
Schuldzuweisungen oder Systemfehler
Besonders problematisch ist dabei eine verbreitete Wahrnehmung: Wenn Einrichtungen unter Druck geraten, entsteht schnell der Eindruck, dass organisatorische Defizite oder fehlende Führungsstärke die Ursache sein könnten. Strukturelle Engpässe, politische Rahmenbedingungen und steigende gesellschaftliche Anforderungen werden in solchen Diskussionen jedoch häufig nicht ausreichend gemeinsam betrachtet.
Dabei wird leicht übersehen, dass ein System im dauerhaften Krisenmodus zwangsläufig an Entwicklungsfähigkeit verliert. Wenn der Alltag überwiegend aus Reaktion auf akute Probleme besteht, bleibt kaum Raum für strategisches Denken oder langfristige Gestaltung.
Gerade Führungskräfte spüren diese Dynamik besonders deutlich. Viele von ihnen möchten ihre Organisation aktiv weiterentwickeln, ihre Teams stärken und neue Perspektiven für die Jugendhilfe gestalten. Doch der Arbeitsalltag lässt oft wenig Zeit und Raum für solche Prozesse. Führung droht unter diesen Bedingungen auf das reine Bewältigen von Engpässen reduziert zu werden.
Umso wichtiger sind Orte, an denen diese Herausforderungen offen reflektiert werden können. Räume, in denen nicht nur über einzelne Maßnahmen gesprochen wird, sondern über strukturelle Zusammenhänge, systemische Blockaden und mögliche Zukunftsperspektiven für die Kinder- und Jugendhilfe.
Unser DGSF Fachtag zum Thema
Ein solcher Raum soll mit dem DGSF-Fachtag „Jugendhilfe neu gestalten – Führung zwischen Systemdruck, Verantwortung und Zukunft“ entstehen, der am 17. September 2026 im ISTB Rhein-Main in Hanau stattfindet. Gemeinsam mit dem systemischen Supervisor, Institutskollegen vom N.I.L. Osnabrück und Autor Rainer Orban soll dort diskutiert werden, welche Rolle Führung in einem hochbelasteten System einnehmen kann, welche neuen Rollenbilder für Leitungskräfte entstehen und wie Entwicklungsfähigkeit trotz hoher Belastung erhalten bleiben kann.
Der Fachtag möchte bewusst über reine Problembeschreibungen hinausgehen. Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven aus Praxis, Leitung und Organisationsentwicklung zusammenzubringen und gemeinsam über mögliche Wege in die Zukunft der Jugendhilfe nachzudenken.
Ein zentraler Bestandteil der Veranstaltung wird eine Podiumsdiskussion sein, an der Leitungskräfte aus Jugendämtern und freien Trägern ihre Erfahrungen und Sichtweisen einbringen.
Gemeinsam Lösungen suchen
Denn klar ist: Die Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe lassen sich nicht isoliert in einzelnen Einrichtungen lösen. Sie betreffen ein gesamtes System. Und genau deshalb braucht es Orte des gemeinsamen Austauschs, der ehrlichen Reflexion und der mutigen Diskussion darüber, wie Führung in der Jugendhilfe künftig gestaltet werden kann.








